Wenn Schülerinnen und Schüler glauben, der Sinn von Schule sei es, Arbeiten zu produzieren, werden sie diese Arbeiten an KI auslagern. Unsere Aufgabe ist es, ihnen zu zeigen, dass der eigentliche Sinn von Schule das Lernen ist.
Eine fatale Annahme
Viele Schülerinnen und Schüler tragen eine simple, aber fatale Annahme über die Schule mit sich: Sie glauben, der Sinn von Schularbeiten sei es, Arbeiten zu produzieren.
Aufsätze, Plakate, Präsentationen, Projekte – sie gehen davon aus, dass es bei all dem darum geht, ein Produkt herzustellen. Und im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ist das eine fatale Annahme.
Denn heute können Lernende Arbeiten erstellen, ohne dabei ihren Kopf auch nur ansatzweise zu bemühen. Ein perfekt formulierter Absatz oder eine makellose Infografik zeigen nicht mehr zwangsläufig Verständnis. Wenn Schülerinnen und Schüler Arbeiten mit minimalem geistigem Aufwand generieren können, führt das blosse «Fertigwerden» nicht mehr automatisch zum Lernen, das es einmal bewirkte.
Wer glaubt, Schule drehe sich ums Produzieren von Arbeiten, wird diese Arbeiten gerne an das Werkzeug delegieren, das sie am schnellsten erledigt.
Der eigentliche Zweck von Schule
Der Zweck von Bildung ist aber nicht, Arbeiten zu produzieren. Der Zweck von Bildung ist, Menschen zu formen.
Menschen, die:
• Denken können
• Nachsinnen und staunen
• Zusammenarbeiten
• Diskutieren und debattieren
• Ideen entwickeln und für sie eintreten
Unser Ziel sind nicht perfekte Produkte – es ist tiefes Verständnis. Nicht fertige Arbeiten, sondern geformte Persönlichkeiten.
Wenn eine Schülerin einen perfekten Aufsatz abgibt, aber keine einzige Idee daraus mit eigenen Worten erklären kann, hat kein echtes Lernen stattgefunden. Selbst wenn der Aufsatz eine Eins bekommt – die Schülerin ist nicht an Wissen, Weisheit oder Fähigkeiten gewachsen.
Unsere Botschaft an die Lernenden muss klar sein: Wer die Aufgabe erledigt hat, aber nichts gelernt und sich nicht weiterentwickelt hat, war nicht erfolgreich.
KI-Muskeln pumpen
Denken wir einen Moment an körperliche Fitness.
Wenn es beim Training nur darum ginge, möglichst viel Gewicht zu bewegen – warum dann nicht einfach einen Gabelstapler ins Fitnessstudio bringen? Wir könnten Tonnen mehr stemmen, mit einem Bruchteil der Anstrengung.
Aber natürlich ist das absurd – denn der Sinn des Trainings ist nicht, Gewichte zu bewegen. Der Sinn ist, stärker zu werden.
Wenn der Gabelstapler statt uns hebt, werden unsere Muskeln nicht stärker. Das Gewicht wird bewegt, aber wir werden schwächer.
Beim Lernen ist es genauso.
KI kann uns helfen, mehr Arbeit als je zuvor zu bewältigen – aber wenn sie die geistige Arbeit für uns erledigt, verkümmern unsere intellektuellen Muskeln. Wir werden zu Zuschauern statt zu Lernenden.
Deshalb müssen wir die Lernenden immer wieder daran erinnern: Der Zweck von Bildung ist nicht die Produktion von Arbeiten, sondern die Entwicklung von Menschen.
Reflexion als Schlüssel zum Lernen
Wie helfen wir den Lernenden, sich daran zu erinnern?
Reflexion ist hier ein mächtiges Werkzeug.
Am Ende jeder Lektion einfache Fragen stellen:
• Was hast du heute gelernt, das du vorher nicht wusstest?
• Wo musstest du richtig nachdenken?
• Wenn du KI verwendet hast: Hat sie dir geholfen, deine Arbeit zu erledigen – oder hat sie deine Arbeit für dich erledigt?
Am Ende jeder Woche oder Unterrichtseinheit die Lernenden einladen, über ihren Fortschritt nachzudenken, nicht über ihr Ergebnis. Welche Ideen sind klarer geworden? Welche Fehler haben zu neuen Erkenntnissen geführt?
In einer KI-Welt ist Reflexion die Gewohnheit, die das Lernen ins Zentrum rückt.
Sie verankert die Lernenden wieder im eigentlichen Zweck – und erinnert sie daran, dass es in der Schule darum geht, wer sie werden, nicht nur darum, was sie produzieren.
Denn wenn wir das vergessen, enden wir wie der Fitnessstudiobesucher mit dem Gabelstapler: Wir bewegen mehr als je zuvor, aber gewinnen keine Kraft.
Die Kernbotschaft
Der Zweck von Schule ist nicht, Arbeiten zu produzieren, sondern Menschen zu formen. KI kann beim Lernen unterstützen, aber sie kann das Denken nicht ersetzen, das Lernen erst bedeutsam macht.
Fragen zum Weiterdenken
1. Welche Botschaft über den Sinn von Schule glauben Ihre Schülerinnen und Schüler derzeit?
2. Wie können Sie ihnen zeigen, dass Lernen wichtiger ist als das Produkt?
3. Welche Reflexionsfragen könnten Sie in jede Lektion einbauen, um den Fokus auf Wachstum statt auf Ergebnisse zu legen?

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